Trauer ist eine Reise – „Alle reden über Trauer“

Tod und Trauer sind Themen, über die man nicht so häufig auf Blogs im Internet liest. Über die in Deutschland, in unserer westlichen Kultur, generell selten gesprochen wird.

Als Silke zu ihrer Aktion „Alle reden über Trauer“ aufgerufen hat, war mir sofort klar, dass ich mich beteiligen möchte. Auf einem Reiseblog? Klar, warum denn nicht. Dieser Aktionstag soll zeigen, dass jeder früher oder später mit dem Tod in Berührung kommt. Und da ich erlebe, dass meine Trauer einer Reise gleicht, finde ich das Thema auch sehr passend auf meinem Reiseblog.

Warum Trauer eine Reise ist

Vor kurzem sagte mir jemand, dass es nicht gut sein kann, sich über einen langen Zeitraum intensiv mit seiner Trauer auseinander zu setzen. Ein oder zwei Jahre vielleicht, dann sollte es doch mal gut sein, damit man sich nicht ständig wieder in negative Gefühle stürzt.

Ich glaube, das ist so gar nicht möglich. Vor allem, wenn der Verstorbene einem sehr nah stand.

Warum Trauer eine Reise ist:

  • Man wächst an seiner Trauer, lernt mit ihr als regelmäßigen Begleiter zu leben. Lernt dadurch neue Facetten von sich selbst kennen.
  • Durch den Tod im direkten Umfeld, geht man plötzlich mit anderen Augen durchs Leben. Man erfreut sich bewusst an kleineren Dingen, nimmt sich mehr Zeit für Freunde oder Familie, denkt anders über die Zukunftsplanung nach.
  • Zu Trauern heißt nicht, ständig traurig zu sein. Für mich bedeutet es, Glück und Freude so richtig zu genießen und dann auch immer wieder Momente voller Sehnsucht, Verzweiflung, Schmerz oder Traurigkeit zu haben.
  • Über die Jahre hinweg ändert sich die Beziehung, in der man zu dem Verstorbenen stand. Meine Mama zum Beispiel ist nicht mehr nur meine Mama, sondern nun auch die Oma meines Sohnes. Das wirft völlig neue Gedanken und Gefühle in mir auf, als zum Zeitpunkt ihres Todes.
  • Plötzlich stellt man sich auch Fragen, auf die man vorher nie gekommen wäre: Wann werde ich wohl sterben? Und wodurch? Wie wird wohl meine Beerdigung sein? Wie lang werde ich noch hier sein? Darf ich meine Enkelkinder oder Urenkelkinder kennen lernen?
  • Wie auf einer Reise begegnet man Menschen, die das eigene Bild oder den Umgang mit Tod und Trauer verändern.

Dass mich meine Trauer wahrscheinlich mein Leben lang begleitet, wurde mir bewusst, als ich dieses Zitat auf Facebook gelesen habe:

„Trauer, habe ich gelernt, ist einfach nur Liebe.
Es ist all die Liebe, die du geben möchtest, aber nicht kannst.
All diese zurück gehaltene Liebe sammelt sich in den Ecken
deiner Augen, als Kloß in deinem Hals und in den leeren Räumen deiner Brust.
Trauer ist einfach Liebe ohne Ausweg.“

Jamie Anderson

Trauer braucht Zeit

Der Tod kommt oft unerwartet. Aber selbst, wenn man die Chance hat sich darauf vorzubereiten – niemand weiß, was wirklich auf einen zukommt. Jeder Mensch geht anders mit einem so einschneidenden Erlebnis um.

Und gerade weil sich die Trauer ein Leben lang mit einem gemeinsam wandelt, braucht sie auch ein Leben lang Zeit.

Vielleicht schmerzen die Erinnerungen an gemeinsam erlebte Momente anfangs sehr. Aber sie sind das Kostbarste, was wir haben und irgendwann wandelt sich dieser Schmerz in Dankbarkeit. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Voller Sehnsucht, aber auch voller Glück, weil man sie erlebt hat.

Wie sich aber die Zukunft ohne den Verstorbenen anfühlt, weiß man erst, wenn es soweit ist. Diese Erfahrung habe ich zumindest gemacht.

Und sie haut mich immer wieder um…

Meine Trauer ändert sich ständig, weil ich mich verändere.

Am Anfang dachte ich, nach einem Jahr wird es leichter. Nach einem Jahr habe ich alles einmal durch: Geburtstag, Ostern, Weihnachten. Muttertag. Frühling, Sommer, Herbst, Winter. Dann ist alles einmal geschafft und ich weiß was auf mich zukommt. Wie es sich anfühlt.

Womit ich nicht gerechnet hatte, sind die Gefühle für große Veränderungen.

Man weiß ja, dass derjenige nun tot ist. Und man weiß, was man plant, was Neues ansteht.

Und trotzdem…

Als ich schwanger wurde zum Beispiel, war das wie ein Schlag ins Gesicht. All das Glück und die Freude, die ich so gern mit meiner Mama teilen wollte. Und es ging nicht. Ich wollte ihr so so sehr ins Gesicht sagen, dass sie Oma wird. Und es ging nicht. Immer wieder kam der Gedanke: „Oh, ich muss Mama anrufen!“. Und dann die ernüchternde Realität – es geht nicht.

Das hat mich wirklich überrascht. Dass eine solche Situation so schwer sein kann. Obwohl ich ja vorher schon wusste, dass das alles nicht mehr geht. Aber vermutlich war tief im Unterbewusstsein noch die Selbstverständlichkeit von früher verankert: Wenn ich mal ein Kind habe, wird meine Mama Oma. Ganz klar, ohne wenn und aber. Und jetzt ist sie das ja auch, aber nicht mehr so wie gedacht. Nicht mehr hier bei uns.

Während der Schwangerschaft habe ich dann meinen Frieden damit gefunden. Es hat aber ein paar Wochen gedauert.

Und dann kam die Geburt und ich drehte mich wieder im Kreis…das große Glück selbst in den Händen halten. Aber ihr nicht in die Arme legen können…das ist bis jetzt schwer.

So wird es wohl immer weiter gehen und ich bin froh, dass ich jetzt weiß, dass immer wieder ein „Hammer“ kommen kann. Egal wie lang sie tot ist. Weil sie mir so viel Liebe geschenkt hat, dass sie immer bei mir sein wird. Für den Rest meines Lebens.

Trauer wird leichter, wenn man mutig ist

Ich finde es erfordert viel Mut und Kraft in unserer Gesellschaft, in der immer alles glitzern und schön sein muss, traurig zu sein. Und es vor allem laut auszusprechen und nicht nur heimlich.

Mir tut es gut, mit Freunden darüber zu reden. Was passiert ist, wie man damit umgehen kann. Und dabei vor allem zu erfahren, dass man nicht allein ist. Dass es anderen auch passiert. Das tut so gut!

Aber je näher mir die Menschen stehen, desto schwieriger ist es das Thema anzusprechen. Dafür habe ich für mich auch noch keine gute Lösung gefunden. Ich glaube, je regelmäßiger man über seine Trauer und auch über die verstorbene Person spricht, desto leichter wird einem selbst ums Herz. Aber sich zu überwinden ist wirklich schwer. Weil man ja nie weiß, wie es dem Gegenüber gerade geht. Weil alle so selten über ihre traurigen Gefühle sprechen.

Was ich mir für meine Trauer wünsche

Ich bin wirklich froh darüber, dass es Menschen wie Silke gibt, die so intensiv und offen über ihre Geschichte und ihre Trauer schreiben. Es macht einen ja so angreifbar und erfordert viel Mut.

Silkes Blog: www.in-lauter-trauer.de

Für meine Zukunft wünsche ich mir, dass ich auch mutig genug bin, offener darüber zu sprechen oder zu schreiben. (Schreiben wird wohl die erste Wahl, es fällt mir leichter.) Und damit hoffe ich auch, dass das Thema Tod und Trauer mehr ins Bewusstsein unserer westlichen Kultur rückt und es normal wird, sich damit auseinander zu setzen.

Und ich hoffe, dass ich es schaffe, meinem Kind (meinen Kindern?) ganz viel von meiner Mama zu erzählen. Ich wünsche mir, dass sie das Gefühl bekommen, sie hätten sie gekannt. Und, dass es für sie ganz normal ist, dass sie eine weitere Oma haben, der sie zu Lebzeiten nie begegnen werden.

Sie hat sich so sehr darauf gefreut, irgendwann mal Oma zu werden. Also möchte ich, dass ihre Enkel wissen, dass sie eine Oma in ihr haben. Eine, die vielleicht „von oben“ zu sieht. Wer weiß das schon?

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